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Zusammenfassung
Jugendverbandsarbeit in der Großstadt

von Helmut Richter, Wibke Riekmann, Michael Jung
erschienen im PUNKTUM Zeitschrift des Landesjugendring Hamburg

Ein Jugendverband stellt sich der eigenen Wirklichkeit: An der Universität Hamburg in der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft wurde in den letzten 15 Monaten eine empirische Studie über die Hamburger Jugendfeuerwehr durchgeführt und ausgewertet. Thema war sowohl das „Alltagsgeschäft“ der Jugendverbände, nämlich Fragen zu den Perspektiven von Mitgliedschaft und Ehrenamt, als auch Fragen nach der Verwirklichung von langfristigen Zielen, wie die demokratische Bildung von Kindern und Jugendlichen.

Einleitung

Obwohl die Entstehung der meisten Jugendverbände nun mehr als 100 Jahre zurückliegt und diese inzwischen nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch eine große Vielfalt und Differenzierung aufzuweisen haben, sind die Forschungsbemühungen in diesem Feld überschaubar. Es schien bisher nicht notwendig, Jugendverbandsarbeit genauer zu untersuchen. Seit einigen Jahren rückt nun die außerschulische Bildung mehr ins Blickfeld. Die PISA Ergebnisse mögen dazu beigetragen haben, die Engführung auf das schulische Lernen zu kritisieren und zunehmend auch das „informelle Lernen“ in den Blick zu nehmen (vgl. Rauschenbach/Düx/Sass 2006, Sturzenhecker 2004). Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. In einer merkwürdigen Gleichzeitigkeit von steigender (politischer) Wahrnehmung und wissenschaftlicher Erforschung gerät Jugendverbandsarbeit auch zunehmend unter Druck. Zu nennen sind zum Beispiel die zurückgehende Grundfinanzierung der Jugendverbände zu Gunsten einer Projektfinanzierung und der Ausbau der Ganztagsschulen. Wenn also Jugend(verbands)arbeit nicht für alle möglichen Ziele der Politik, von Drogenprävention bis zur Gewaltverhinderung instrumentalisiert werden möchte, und Jugend(verbands)arbeit sich im Rahmen der Ganztagsangebote nicht mit der „Rolle der betreuenden Juniorpartnerin“ (Züchner 2006, S. 208) zufrieden geben möchte, tut sie gut daran, die eigenen Leistungen genauer zu beschreiben und ihre Stärken hervorzukehren.

Im Folgenden stellen wir Ihnen einen Ausschnitt aus der Studie „Jugendverbandsarbeit in der Großstadt. Perspektiven zu Mitgliedschaft und Ehrenamt am Beispiel der Jugendfeuerwehr Hamburg“ vor. Wie der Titel bereits verrät, beansprucht die Studie durchaus auf allgemeine Entwicklungen von Jugendverbänden in Großstädten hinzuweisen, auch wenn die empirischen Befunde nur für den untersuchten Jugendverband der Jugendfeuerwehr Hamburg gültig sind.

Vorstellen möchten wir an dieser Stelle Ergebnisse, die weniger jugendfeuerwehrspezifisch, wohl aber jugendverbandsspezifisch sind. Es handelt sich um Ergebnisse zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement, zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen sowie um einen Ausblick auf die demokratische Bildung und damit auf die Handlungsfelder des Jugendverbandes. Zunächst jedoch folgt eine Kurzvorstellung der Hamburger Jugendfeuerwehr sowie einige Hinweise auf die methodische Rahmung der Studie.

Die Jugendfeuerwehr Hamburg

Die Jugendfeuerwehr Hamburg (im Folgenden: JF) ist ein Zusammenschluss der lokalen JF-Gruppen. Die einzelnen Jugendfeuerwehren sind jeweils an eine der 87 Freiwilligen Feuerwehren in Hamburg angegliedert und wie diese auf Stadtteilebene organisiert. Ende des Jahres 2005 hatten mehr als die Hälfte der Freiwilligen Feuerwehren, nämlich 49, eine Jugendfeuerwehr mit insgesamt 839 Mitgliedern.

Die auf Stadtteilebene organisierten JF-Gruppen mit zurzeit durchschnittlich 17 Mitgliedern bilden die Basis. Sie bestehen aus Jugendlichen im Alter von 10 bis unter 18 Jahren. Ein Verweilen in der JF über das vollendete 18. Lebensjahr hinaus ist nicht möglich. Mit 17 oder 18 Jahren kann der Übertritt in die Freiwillige Feuerwehr erfolgen. Jede Jugendfeuerwehr wählt eine/n Jugendfeuerwehrwart/in (im Folgenden: JFW) und eine/n Stellvertreter/in, beide müssen Erwachsene und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr sein. Darüber hinaus wählen die Jugendlichen aus ihren eigenen Reihen Jugendsprecher/innen. Die Jugendsprecher/innen und ihre Vertreter/innen sowie die JFW oder ihre Vertreter/innen repräsentieren die einzelnen JF im höchsten Beschlussorgan der Jugendfeuerwehr, der Delegiertenversammlung.

Das sind noch längst nicht alle Organe oder Ämter, die es in der Jugendfeuerwehr gibt – aber dies sollte zur Vorstellung genügen. Wer sich genauer informieren möchte, sei auf die Seiten der JF im Internet verwiesen unter: www.jf-hamburg.de.

Methodische Rahmung

Nach einer qualitativen und quantitativen Voruntersuchung wurde die Hauptuntersuchung in drei Gruppen durchgeführt. Befragt wurden auf der Grundlage einer Vollerhebung alle Mitglieder und Ehrenamtlichen mit Fragebögen vor Ort sowie ehemalige Mitglieder, d. h. in den letzten 5 Jahren ausgetretene Jugendliche der Jugendfeuerwehr in Telefoninterviews. Die Teilnahmequoten waren sehr zufrieden stellend. Bei den Mitgliedern erreichten wir eine Teilnahmequote von 83% (650 Teilnehmer/innen) bei den ehemaligen JF-Mitgliedern mit den Telefoninterviews eine Teilnahmequote von 52% (248 Teilnehmer/innen) und bei den Erwachsenen in der JF eine Teilnahmequote von 74% (247 Teilnehmer/innen). Insgesamt können wir von einer Repräsentativität der Daten für die JF Hamburg sprechen.

Freiwilliges und ehrenamtliches Engagement in der Diskussion

„Jugendverbandsarbeit in der Krise“ oder auch „Vorbei mit den Vereinen“ – so titelten noch Ende der 90er Jahre die großen Jugendstudien. Man machte sich Sorgen über den künftigen sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft: Jugendliche würden sich nicht mehr engagieren wollen – so der Tenor – die Zukunft gehöre den „Egotaktikern“ (Hurrelmann u.a. 2002, S. 33).

Mit der Veröffentlichung der ersten Welle des Freiwilligensurveys der Bundesregierung 2001 waren auf einmal ganz andere Töne zu hören: Die Gruppe der Jugendlichen liege mit 37% Engagierten sogar über dem Durchschnitt. Dazu kommt, dass 63% der Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren sagten, sie hätten ein grundsätzliches Interesse an einer freiwilligen oder ehrenamtlichen Tätigkeit (vgl. BMFSFJ 2000). Die anderen Jugendstudien zogen nach: Schon 2002 schrieb die Shell-Studie, dass 76% der Jugendlichen gelegentlich gesellschaftlich aktiv seien (vgl. Deutsche Shell 2002) und auch die vor kurzem veröffentliche zweite Welle des Freiwilligensurveys lobt die engagierte Jugend (vgl. BMFSFJ 2005).

Was war geschehen?

Nach unserer Lesart hatten sich weniger die Einstellungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen verändert, wohl aber die Studien. Ein wahres Feuerwerk an Begriffen war entstanden: Freiwilliges Engagement, Selbsthilfe, Bürger- oder Freiwilligenarbeit, Ehrenamt, politisches, soziales, bürgerschaftliches und zivilgesellschaftliches Engagement sind nur einige der Begriffe, die umschreiben, dass wir nicht mehr wissen, wovon wir eigentlich reden, wenn es um die zukünftige soziale und demokratische Integration der Gesellschaft geht.

Aufgrund dieser Unklarheiten ist es nach wie vor auch nur eingeschränkt möglich, die These vom „Strukturwandels des Ehrenamtes“ (Beher u. a. 2000) – weg vom längerfristigen, institutionalisierten, hin zum spontanen, kurzfristigen Engagement, – eindeutig zu bestätigen bzw. zu widerlegen. Diese gegensätzlichen und gleichzeitig wenig präzisen Forschungsergebnisse haben in der Jugendfeuerwehr Hamburg Anfragen hinsichtlich der mittel- und langfristigen Perspektiven ihrer Organisation ausgelöst. Denn obgleich die JF heute eine der wenigen Jugendverbände ist, die ein zahlenmäßiges Wachstum zu verzeichnen haben – Ende des Jahres 2005 hatte die JF Hamburg 839 Mitglieder im Vergleich zu 200 Mitgliedern im Jahr 1990 – können vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung mögliche negative Entwicklungen in der Zukunft nicht ausgeschlossen werden.

Die besondere Bedeutung des Ehrenamtes begründet sich dadurch, dass ein gesellschaftliches Engagement zwar den sozialen Zusammenhalt befördern kann, jedoch nicht automatisch zur Demokratie beiträgt wie häufig behauptet wird, oder als „Teil der demokratischen Kultur“ (Rosenbladt 2001, S. 20) bezeichnet werden kann, wenn man z. B. bedenkt, dass es in Deutschland das höchste gesellschaftliche Engagement in der Zeit des Nationalsozialismus gegeben hat. Insofern ist es notwendig, die angesprochene Gleichsetzung von freiwilligem und ehrenamtlichem Engagement in den aktuellen Ehrenamtsforschungen zu überwinden und klar zu definieren, wodurch sich ein explizit demokratisches Engagement auszeichnet. Ausgangspunkt hierfür ist das demokratische Ehrenamt, d. h. eine regelmäßig und dauerhaft auszuübende freiwillige Tätigkeit in einer auf den Vereinsprinzipien beruhenden lokalen Organisation, für die man gewählt oder durch demokratisch legitimierte Amtsträger ernannt wird und für die der Aufwand entschädigt werden kann.
Damit sollen andere Formen eines gesellschaftlichen Engagements nicht diskreditiert, sondern lediglich elementare Voraussetzungen für ein demokratisch organisiertes Miteinander im Verein und damit in der Gesellschaft benannt werden.

Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement in der Jugendfeuerwehr

Jugendliche haben vielfältige Möglichkeiten ehrenamtlich in der JF tätig zu sein. Sie können z. B. Jugendsprecher/in werden, Schriftführer/in oder Kassenwart/in. Und obwohl es kein Selbstläufer ist, Jugendliche für ein Engagement zu gewinnen, ist die Rekrutierung Jugendlicher insgesamt sehr erfolgreich – fast ein Drittel der jugendlichen Mitglieder ist in einem Amt tätig. Mit der Übernahme eines solchen Ehrenamtes wird von den Jugendlichen ausgedrückt, dass sie zum einen bereit sind, Verantwortung in der JF zu übernehmen, aber auch, dass sie sich demokratisch auf der Grundlage der Jugendordnung in der JF engagieren wollen.

Als Orientierungspunkt ist beim jugendlichen Engagement zu beachten, dass der Zeitaufwand nicht mehr als 20 Stunden im Monat betragen sollte, um die gewählten Vertreter/innen nicht über Gebühr zu belasten und um ihre Ersetzbarkeit durch andere nicht zu behindern. Immerhin 8 Prozent der Jugendlichen geben an, dass ihr Engagement mehr als 20 Stunden im Monat ausmacht. Diese Orientierungsmarke haben wir aus dem bundesweiten Freiwilligensurvey übernommen, der 20 Stunden im Monat als Durchschnittswert für jugendliches Engagement in Deutschland angibt.
Für die Erwachsenen ist als ein erstes zentrales Ergebnis zunächst festzuhalten, dass es der JF Hamburg – im Unterschied zu teilweise anders lautenden Ergebnissen aktueller Jugend- bzw. Freiwilligenstudien – nach wir vor gelingt, eine beachtliche Zahl an freiwillig und ehrenamtlich Engagierten zu rekrutieren.

Auch wenn in einigen JF nur unter Schwierigkeiten engagierte Erwachsene zu finden sind, die sich zu einem dauerhaften Engagement bereit erklären, so sind doch die ehrenamtlichen Positionen in den JF meist kontinuierlich besetzt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Helfer und Betreuer, die sich – teils ehrenamtlich, teils freiwillig – in den einzelnen JF engagieren. Helfer und Betreuer sind meistens Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr vor Ort und unterstützen die JFW in ihrer Arbeit.

Ein wesentlicher Grund für das Engagement der Erwachsenen ist, dass sie in dieses Engagement hineinwachsen. Das heißt, vor allem die jüngeren Erwachsenen kommen selbst aus der JF, und einige haben inzwischen auch ihre eigenen Kinder in der JF – so setzt sich eine familiäre Bindung fort. Dies ist auf der einen Seite als eine Stärke des Verbandes zu interpretieren – auf der anderen Seite aber sollte nicht vernachlässigt werden, dass es auch für Neueinsteiger aus dem Stadtteil und der Freiwilligen Feuerwehr möglich sein muss, sich in der JF zu engagieren.

Bei den Motiven für das Engagement zeigt sich, dass Erwachsene nicht so viel „anders ticken“ als Jugendliche. Selbstlose und selbstbezogene Motive haben beim Engagement einen gleichen Stellenwert. Das bedeutet, dass es den in der JF tätigen Erwachsenen nicht nur darum geht, etwas für andere, sondern immer auch etwas für sich selbst zu tun. Das Wichtigste aber für das Engagement sind den Erwachsenen die Jugendlichen. Auf den unmittelbaren Umgang mit ihnen und auf ihre Entwicklung zielen die Aktivitäten der Jugendfeuerwehr vornehmlich ab. Deshalb sind es auch in erster Linie die Jugendlichen, die den Engagierten das notwendige positive Feedback geben. In der folgenden Graphik sehen sie noch einmal die wichtigsten Gründe für das Engagement Erwachsener.

Abb. 1: Gründe der in der JF tätigen Erwachsenen für das Engagement (Angaben in Prozent) (PDF)

Zeit und Engagement: ein Strukturproblem?

Zeit spielt für Ehrenamtliche immer eine zentrale Rolle. In der JF Hamburg ist es nicht nur die Zahl der Erwachsenen, die es ermöglicht, die Angebote und Aktivitäten aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Es ist auch der größtenteils überaus hohe Zeitaufwand, den die Erwachsenen und insbesondere die JFW für ihr Engagement in der JF regelmäßig und dauerhaft aufbringen.

Dies kann man anerkennend zur Kenntnis nehmen, es aber nur als ein positives Ergebnis zu würdigen, wäre jedoch nicht zuletzt in Anbetracht der Verpflichtungen fragwürdig, denen die in der JF tätigen Erwachsenen auch in ihrer Rolle als Mitglied der FF gerecht werden müssen. Der hohe verbindliche Zeitaufwand ist durchaus auch als ein strukturelles Problem zu interpretieren, das die Ersetzbarkeit der Amtsträger zweifelhaft erscheinen lässt und deshalb andere Personen möglicherweise von einem Engagement abhält.

[file=313]Abb. 2: Zeitaufwand der in der JF tätigen Erwachsenen für das Engagement
(Nach JFW und H/B; Stunden pro Monat) (PDF)[/file]

In der Graphik kann man sehen, dass 25 Prozent der JFW und 10 Prozent der Helfer und Betreuer die Marke von 50 Stunden Zeitaufwand im Monat überschreiten. 50 Stunden entsprechen den gesetzlichen Regelungen für eine Nebentätigkeit, mehr Zeit sollte ein Ehrenamt nicht umfassen. Spätestens bei der Überschreitung dieser Marke wird es immer schwieriger, neue Leute für ein Amt zu gewinnen. Natürlich sind diese Zahlen immer nur Orientierungen, und hängen auch bei den Erwachsenen von der subjektiven Empfindung der Belastung ab, denn ob jemand belastet ist, kann nicht nur in Stunden gemessen werden.
Eine grundsätzliche Konsequenz aber für die Gewinnung von Erwachsenen, die sich in der JF freiwillig oder ehrenamtlich betätigen, ist daher eine möglichst breite Aufteilung und Delegation von Aufgaben, um die individuellen Belastungen gering zu halten. Also: Mehr Leute machen weniger, statt weniger Leute machen mehr.
Als Unterstützung für ihr Engagement wünschen sich die Erwachsenen gute Rahmenbedingungen, was u. a. eine vielfältige Anzahl an Seminarangeboten, die Bereitstellung von kinder- und jugendgerecht aufbereiteten Arbeitsmaterialien, aber auch finanzielle Zuwendungen bedeutet. Was sie sich allerdings nicht wünschen, ist eine zu starke Einschränkung und Kontrolle ihrer Aktivitäten in der JF vor Ort. Die konkrete Gruppenarbeit soll ihre eigene Sache bleiben.

Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen

Wird die Frage nach der Gleichberechtigung auf die Frage nach der Verwirklichung demokratischer Prinzipien im alltäglichen Umgang verdichtet, so ist sie aus Sicht der jugendlichen Mitglieder weitgehend gewährleistet, z. B. in Bezug auf die Meinungsfreiheit, das Mehrheitsprinzip oder die Möglichkeit, über Entscheidungen diskutieren zu können.

Nachdenklich stimmt in diesem Zusammenhang allerdings die Gewährleistung des Schutzes von Minderheiten, und zwar speziell auch von jüngeren JF-Mitgliedern; denn Entscheidungen in den JF-Gruppen werden überwiegend nach dem Mehrheitsprinzip, seltener aber z. B. nach dem Konsensprinzip getroffen. Deshalb ist zu klären, warum etwa Mädchen und auch Jugendliche mit Migrationshintergrund in geringerem Maße der Meinung sind, Minderheiten würde eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, und warum die Jugendlichen – dies trifft vor allem auf die Ehemaligen zu – öfter als die Erwachsenen finden, Jüngere hätten es in der Gruppe schwer, ihre Meinung durchzusetzen. In jedem Falle ist zu bedenken, dass der Minderheitenschutz nicht nur über die oft umständliche Form der Einstimmigkeit, sondern ebenso über das ausdrückliche Einverständnis der Minderheitengruppe gesichert werden kann.

Abb. 3: Verwirklichung demokratischer Prinzipien (aus Sicht der jugendlichen Mitglieder) (PDF)

Bei der Mitbestimmung, mit der sowohl die JF-Mitglieder – vor allem die ehrenamtlich tätigen Jugendlichen – als auch die Ehemaligen insgesamt sehr zufrieden sind bzw. waren, ist zudem vor allem der Unterschied zu den Wahrnehmungen der Erwachsenen erklärungsbedürftig, weil sie hierfür insgesamt größere Möglichkeiten sehen als die Jugendlichen.
Offenbar haben die Jugendlichen die Mitbestimmung stärker auf ihre Erfahrungen und ihr tatsächlich ausgeübtes Verhalten bezogen, während die Erwachsenen sie stärker mit Blick auf die Möglichkeiten eingeschätzt haben. Dies deutet darauf hin, dass es den Jugendlichen – sofern sie es denn wollen – durchaus weitgehend möglich ist, in der JF mitzubestimmen, dass diese Möglichkeiten jedoch von einem Teil der Jugendlichen – insbesondere von den Jüngeren – nicht voll ausgeschöpft werden. Zur Abklärung der unterschiedlichen Erwartungen und Wahrnehmungen sollten die Erwachsenen daher das Gespräch mit den Jugendlichen suchen und sie darüber aufklären, in welchen Bereichen sie Mitbestimmung ausüben können und sollten.

Ausblick: Stärkung demokratischer Prinzipien auf hohem Niveau

Als Ausblick wurden für die Jugendfeuerwehr Hamburg fünf Handlungsfelder identifiziert:
- Jüngere mehr einbeziehen
- Jugendliche zu einer verstärkten Mitbestimmung anregen
- Mehr Freiraum für engagierte Erwachsene
- Minderheitenschutz stärken
- Stadtteilorientierung fördern und bisher unterrepräsentierte Gruppen bevorzugen.

Die Punkte, dass Jüngere mit ihren Bedürfnissen mehr in die Arbeit der Jugendfeuerwehr einbezogen werden sollten, Jugendliche dazu ermutigt werden sollten ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten mehr auszufüllen, Erwachsenen mehr Freiraum für ihre Tätigkeit vor Ort gegeben und Minderheiten eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, haben wir kurz angesprochen. Mit dem letzten Punkt der Förderung der Stadtteilorientierung und einer situativen Bevorzugung bisher unterrepräsentierter Gruppen möchten wir die Vorstellung der Studie schließen und einen Ausblick auf die demokratische Bildung geben.

Demokratie ist immer „nur“ ein Formprinzip und bedarf der inhaltlichen Ausgestaltung, damit sie konkret werden kann. Für die Jugendfeuerwehr wäre eine Stadtteilorientierung anzustreben, die gemeinschaftliche Beziehungen durch die kulturelle Integration des Bevölkerungsspektrums vergesellschaftet. Ein erster Schritt auf diesem Wege könnte es sein, dem Wunsch der JFW zu entsprechen und mehr Fortbildungen über sozialpädagogische Themen anzubieten, um so den Blick für gesellschaftliche Integrations- und Desintegrationsprozesse zu erweitern. Insofern könnte die Feststellung, dass sich die JF nach wie vor überwiegend aus männlichen (2004: 82 %) deutschen (2004: 96 %) Jugendlichen zusammensetzt dazu auffordern, die Bedürfnisse dieser Gruppen stärker zu berücksichtigen und sie – wie alle anderen Jugendlichen auch – als Angehörige des Stadtteils wahrzunehmen und sie nicht als Sondergruppen zu behandeln.

So sollte in diesem Zusammenhang ebenso das Fehlen von Konzepten diskutiert werden, wie auch die Möglichkeit in JF-Gruppen mit einer Warteliste für freie Plätze bislang unterrepräsentierten Gruppen einen gewissen Vorrang einzuräumen. Die Voraussetzungen innerhalb der JF für eine verstärkte Integration sind jedenfalls grundsätzlich vorhanden. Weder gegenüber Mädchen noch gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder mit Behinderung zeigt sich bei den Jugendlichen und den in der JF tätigen Erwachsenen eine überwiegende Ablehnung.

Mit diesen Ergebnissen können wir somit festhalten, dass die JF Hamburg sehr gute Perspektiven für die Mitgliedschaft, das freiwillige und ehrenamtliche Engagement sowie für demokratische Umgangsformen und Bildungsprozesse hat. Die Aufforderung, den Stadtteil auch als identitären Bindungs- und Bezugsraum wahrzunehmen und die Mitgliederstruktur als Spiegel der Bevölkerungsstruktur zu entwickeln ist eine Herausforderung – für alle Jugendverbände.

Wer mehr über die Studie erfahren möchte, kann in der Geschäftsstelle der Hamburger Jugendfeuerwehr eine Kurzfassung beziehen oder gegen eine Schutzgebühr von 15 Euro die gesamte Studie in Buchform erhalten.

Literatur:
Beher, Karin/ Liebig, Reinhard/ Rauschenbach, Thomas (2000): Strukturwandel des Ehrenamtes. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozess. Weinheim und München
BMFSFJ (2000) (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Freiwilligensurvey 1999. Ergebnisse der Repräsentativerhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Band 1: Gesamtbericht. Stuttgart.
BMFSFJ (2005) (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/ TNS Infratest, Hrsg.) 2. Freiwilligensurvey 2004 – Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement – Kurzzusammenfassung. URL: www.bmfsfj/RedaktionBMFSFJ/Arbeitsgruppen/Pdf-Anlagen/2.freiwilligensurvey-kurzzusammenfassung.pdf;
Deutsche Shell (2002) (Hrsg.): Jugend 2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus. Frankfurt am Main.
Hurrelmann, Klaus/ Linssen Ruth/ Albert, Mathis/ Quellenberg, Holger (2002): Eine Generation von Egotaktikern? Ergebnisse der bisherigen Jugendforschung. In: Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus. Frankfurt am Main, S. 31-51.
Rauschenbach, Thomas/ Düx, Wiebken/ Sass, Erich (Hrsg.) (2006): Informelles Lernen im Jugendalter. Vernachlässigte Dimensionen der Bildungsdebatte. Weinheim und München.
Rosenbladt, Bernhard von (2001) Zusammenfassung, In: Ders. (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. 3 Bde. 2., korrigierte Auflg. Bd. 1. Stuttgart, S. 20.
Sturzenhecker, Benedikt (2004): Zum Bildungsanspruch der Jugendarbeit. In: Otto, Hans-Uwe; Tauschenbach, Thomas (Hrsg.): Die andere Seite der Bildung. Wiesbaden, S. 147-165.
Züchner, Ivo (2006): Mitwirkung und Bildungseffekte in Jugendverbänden – ein empirische Blick. In: deutsche jugend, 54. Jg, H.5, S. 201-209.

  
 
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